"Hilor und der Tempel des Verfalls"
Note · 55 GM · Gewicht 2
Drittes Buch der erstaunlichen Heldentaten von Kundschafterhauptmann Hilor, veröffentlicht von der Gesellschaft der Kundschafter {br}"Die Priesterin bleckte die Zähne, die sich schaurig weiß vom Rot ihres blutüberströmten Gesichts abhoben. Der Kundschafterhauptmann nahm sein Schwert in die andere Hand und ging langsam zurück, wobei er eine weinende Elfin mit seinem Körper abschirmte. 'Wir werden hier sterben', murmelte die einstige Gefangene zwischen zwei Schluchzern. 'Ich sehe keinen Ausweg. Die Göttin hat uns verlassen!' Hilor wandte den Blick kurz von der Priesterin ab, um sich umzusehen. Mehr brauchte die Dämonenanbeterin nicht, um einen Fluch auszuspeien, aufzuspringen und sich mit ihrem verderbten, auf seine Brust gerichteten Dolch auf ihn zu stürzen. Hilor parierte die Attacke und ging sofort zum Gegenangriff über, doch der aufblitzende Stahl hinterließ kaum mehr als einen Kratzer am Oberschenkel seiner Gegnerin. Der Tempel um sie herum stand in Flammen. Die anderen Kultisten waren, von Angst getrieben, längst geflohen, doch der einzige Fluchtweg, der Hilor und der Zauberin noch blieb, wurde von der besessenen Priesterin versperrt. Der Kundschafterhauptmann wedelte den Rauch vor sich mit der Hand beiseite und entdeckte einen rettenden Ausweg. 'Der Aquädukt!', rief Hilor. 'Direkt über uns!' Während sie zwischen ihren Schluchzern weiterhin Tränen und Ruß auf ihrem Gesicht verschmierte, hob die Elfin den Kopf. Auf Deckenhöhe befanden sich geschlossene Wasserläufe – Arme eines Bergflusses, die die verfaulenden Gärten von Cyth-V'sug mit lebensspendendem Nass versorgten. 'Wir müssen sie aufbrechen!' Die Elfenzauberin zögerte nur einen Moment, bevor sie die Hände erhob, an denen noch immer die Reste ihrer Fesseln baumelten. Eine leuchtende Spur hinter sich lassend, durchschnitt eine Woge der Magie den Rauch und drang in den Stein ein. Zunächst sickerte nur ein dünnes Rinnsal heraus, und Hilor dachte schon, ihr Plan wäre fehlgeschlagen. Einen Moment später gab das Mauerwerk jedoch nach, und aus dem Riss strömte klares, rauschendes Wasser, das die schwelenden Sparren, Teile des Dachs und die vor Entsetzen kreischende Priesterin mit sich riss. Verfolgt von der wilden Strömung, ging Hilor hinter dem Altar in Deckung, nachdem er zunächst die Elfin in Sicherheit befördert hatte. 'Zwei Probleme wären wir los, dafür haben wir jetzt ein neues. Wir werden nicht geopfert werden und vermutlich auch nicht bei lebendigem Leib verbrennen', sinnierte der Kundschafterhauptmann, während er sein Schwert wegsteckte. 'Jetzt müssen uns nur noch irgendwie vor dem Ertrinken retten.' Die Elfenzauberin starrte auf das rasch steigende Wasser. Ihre Lippen zitterten. 'Die Göttin hat uns verlassen. Es gibt keine Hoffnung mehr'."