Zerknüllte Notiz
Item · 1 GM · Gewicht 0
"Wenn Ihr diese Notiz findet, sollt Ihr eins Wissen: Kunst bedeutet Schmerz. Ich heiße Floggy der Bildhauer und bei meiner Geburt strafte mich die Göttin Shelyn mit dem wohl schlimmsten aller Flüche – sie weckte in mir das Verlangen nach wahrer Kunst. Im Alter von 7 nahm mich ein Bildhauer als Lehrling an und mit 25 war ich bereits ein ambitionierter und durchaus bekannter Debütant. Aber glücklich hat mich das nicht gemacht. Mein erstes Kunstwerk, eine Komposition mit dem Titel "Der letzte Azlanti betritt die Achsenlande", sorgte für einigen Wirbel. Und meistens waren es Rufe der Empörung. Aus irgendeinem Grund waren wohl alle der Ansicht, meine Darstellung von Aroden sähe dem Vorsitzenden des Großen Rates von Absalom täuschend ähnlich – Fürst Woors. Sie beschuldigten mich der Korruption und verabreichten mir noch bei der großen Eröffnung eine furchtbare Tracht Prügel! Ich führte dieses Unglück auf meinen jugendlichen Mangel an Erfahrung zurück und war fest entschlossen, das Blatt zu wenden. Um weiteren Anschuldigungen direkt einen Riegel vorzuschieben, wählte ich ein Thema, das mit dem Alltag in Absalom so wenig wie möglich zu tun haben sollte. Mein Motiv war die Kriegergöttin "Tchizuru" aus Tian. Woher sollte ich denn wissen, dass so viele Leute aus Tian Xia in Absalom leben? Und warum hat mich niemand von ihnen gewarnt, dass der Name der Göttin in Wahrheit "Shizuru" geschrieben und ausgesprochen wird und dass jeglicher Fehler bei Aussprache oder Schreibweise als großer Frevel gilt? Wie hätte ich denn ahnen sollen, dass ein Teil meines Publikums über die vielleicht etwas übertriebene Kriegslust meiner Darstellung so außer sich geraten würde, während ein anderer Teil sich über ihre üppige Weiblichkeit ereiferte und der Rest mich als Parasit beschimpfte, der aus kultureller Ausbeutung Profit schlagen will? Voller Verzweiflung wandte ich mich der abstrakten Kunst zu! Und als die Zeit kam, meinem Werk einen Namen zu verleihen, wählte ich einfach eine willkürliche Kombination von Buchstaben, und zwar ausschließlich Konsonanten – aber das sorgte nur noch für mehr Ärger. Noch in derselben Nacht drang eine Bande von Fremden in schwarzen Roben mit tiefen Kapuzen in mein Haus ein. Sie bedrohten mich mit Dolchen und verlangten, ich sollte nie wieder ihre mysteriöse Gottheit darstellen oder auch nur einen ihrer geheimen Namen erwähnen. Da unter den gebildeten und "zivilisierten" Teilen der Welt wohl kein Ruhm für mich zu finden war, floh ich gen Norden – nach Sarkoris. Dort, inmitten der einfachen Bevölkerung, könnte mein Talent endlich erblühen! Ich zeigte ihnen hölzerne Skulpturen – grobe und groteske Formen, die vor Stärke und Urkraft der Erde nur so strotzten. Eben genau das, wovon sie etwas verstehen sollten. Und wieder erntete ich eine Tracht Prügel. Obendrein warfen sie mich auch noch aus ihrer Siedlung – aber nicht, ohne vorher noch meinen liebsten Meißel zu zerbrechen und in mein Reisebündel zu spucken. Bis heute habe ich keinen Schimmer, was ich getan haben könnte, um sie so zu kränken. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits gelernt, keine sinnlosen Fragen zu stellen. Meine Verzweiflung wandelte sich langsam in Bitterkeit, aber ich würde nicht aufgeben. Das Schicksal hatte mich herausgefordert und ich nahm die Herausforderung an! So fand ich meine Mission – ich wollte eine Statue erschaffen, die NIEMANDEN KRÄNKEN würde. Nach Wochen reiflicher Überlegung entschied ich mich für ein einfaches Hühnerküken. Wie könnte sich jemand an einem Huhn stören? Sie sind gelb und sie zwitschern und nichts daran ist irgendwie verwerflich. Ich hätte mich gar nicht schlimmer täuschen können. Eine Woche nach der offiziellen Enthüllung meiner Statue tauchte eine Gruppe grimmig aussehender Leute auf und fiel vor ihr auf die Knie. Sie verkündeten, meine Statue wäre ein Abbild ihrer Gottheit – des Höllenfürsten Iaozrael. Offensichtlich gibt es wohl einen Fürsten der Hölle, dessen unheiliges Symbol ... ein Huhn ist! Immer mehr Kultisten kamen jeden Tag vorbei, um meiner Statue zu huldigen. Und dann kam plötzlich ein ganz anderes Publikum – kampferprobte Ritter mit langen Schwertern, die alle "Bewunderer meines Talents" in Stücke hackten. Als ihr Blutbad endlich vorbei war, suchten sie nach der Person, die dieses "gotteslästerliche Huhn" erschaffen hatte – nach mir! Hals über Kopf floh ich mit meinem unglückseligen Werk. Ich zog die Statue so weit ich konnte und lies sie irgendwo in der Wildnis zurück. Ich hoffe, hier findet sie niemand. Aber da Ihr jetzt diese Zeilen lest, war meine Hoffnung wohl vergebens. Aber dann vergesst bitte nie: Kunst bedeutet Schmerz. Hütet Euch vor Leuten, die Hühner anbeten, und noch mehr vor denen, die sie hassen. Und nun das Wichtigste überhaupt: ICH WOLLTE MIT DIESER STATUE NIEMALS JEMANDEM ZU NAHE TRETEN! Floggy der Bildhauer"