Brief eines Kreuzfahrers

Note · 20 GM · Gewicht 2

"Mein Sohn, du bist bereits zehn Jahre alt, als ich diese Worte schreibe. Ich weiß nicht, wann du sie lesen wirst, oder ob du je die Chance dazu haben wirst. Ich schreibe dir aus einer von einer dämonischen Horde belagerten Stadt, aus der letzten Festung der Kreuzfahrer, Minuten vor unserer möglicherweise letzten Schlacht. Ich habe diesen Brief Jahr um Jahr vor mir hergeschoben, aber nun, da ich den Tod in meinem Nacken spüren kann, ist es an der Zeit, endlich zur Feder zu greifen. Ich zweifle nicht daran, dass mein Name in unserer hochwohlgeborenen Familie in Ungnade gefallen oder gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Ich gelte als Feigling und Verräter, der seine Heimat und seine Familie im Stich gelassen hat. Aber das schert mich nicht. So wie ich das sehe, schulde ich dem Großen Haus Garess nichts – sie schenkten mir das Leben, ja, aber sie nahmen mir auch meine Kindheit und Jugend, verwehrten mir Liebe und Freundschaft, Freude und Zufriedenheit. Ich schulde ihnen nichts. Aber dir, mein Sohn, schulde ich die Wahrheit. Deine Mutter und ich, wir haben uns nie geliebt ... Ehen werden in Adelskreisen nicht um der Liebe willen geschlossen. Wenn ein brevischer Aristokrat 'Liebe' sagt, meint er 'Gehorsam'. Es geschah im Namen der 'Liebe', als mir dein Urgroßvater gebot, diese Frau zu 'lieben' ... und zu ihrem und meinem Leidwesen gehorchte ich. Ich tröstete mich mit der Hoffnung, dass sich unsere Verbindung als fruchtlos erweisen würde, denn ich wusste, ich würde auch dir nur diese nördliche 'Liebe' geben können ... diese kalte Grausamkeit, deren Name mit Schreien und Züchtigungen geschrieben wird. Ich beschloss, zu fliehen, als mir mit einem Mal alles klar wurde: Brevoy stand vor einem Bürgerkrieg. Zu lange schon hatten die beiden Provinzen Rostland und Issia ebenso unter dem Joch dieser Zwangsehe gelitten, wie deine eigenen Eltern. Ich zählte viele Helden aus Restov zu meinen Freunden, die den illustren Namen Aldori trugen. Ich wusste, ich würde gezwungen sein, mein Schwert gegen sie zu erheben, als die Großen Häuser beschlossen, den bloßen Gedanken an ein unabhängiges Rostland im Keim zu ersticken. Das war eine Bürde, die ich nicht zu tragen vermochte. Also kehrte ich meiner Heimat und meiner Familie den Rücken und floh nach Mendev, um mich den Kreuzfahrern anzuschließen. Die Schrecken, die mich in einem Krieg gegen das Böse erwarteten, konnten nicht entsetzlicher sein, als der blutige Bruderkrieg, der Brevoy bevorstand. In Mendev konnte ich mir sicher sein, wer Freund oder Feind war. Hier musste ich mich nicht fragen, ob ich für eine gerechte Sache kämpfe. Hier habe ich gelernt, was Liebe ist. Wahre Liebe. Leb wohl, mein Sohn. Sei versichert, dass ich nichts bereue. Ich habe meine Wahrheit gefunden ... und hoffe, du wirst die deine finden. Quilessy Garess, Fußsoldat in der Armee der Kreuzfahrer Ihrer Majestät Königin Galfrey von Mendev"

Brief eines Kreuzfahrers — Gegenstände — Pathfinder: WotR Database