"Die Kreuzzüge aus der Sicht des gemeinen Volks", von Tullius Marah

Note · 55 GM · Gewicht 2

Eine Geschichte, aufgezeichnet von Tullius Marah, erzählt von Woren, einem Bauern aus dem Dorf Dunkelfurt "Wollt Ihr wissen, warum der alte Genty 'Kreuzfahrer' genannt wird? Ich erzähle Euch die Geschichte. Der Bauer Ogar starb und hinterließ drei Söhne. Die beiden älteren teilten das Land auf und bestritten damit ihren Lebensunterhalt. Genty jedoch, der jüngste von ihnen, war dort völlig fehl am Platz: Er konnte nur faul unter Bäumen liegen und Kuchen essen. Was sollte er tun? Womit sollte er sich befassen? Also holte er sich ein rostiges altes Schwert vom Hinterhof des Schmieds, stieg auf seine klapprige Mähre und ritt davon, über die Hügel und ab in die Ferne. Irgendwann gelangte er zu einem Schloss. Dort stieß er auf die Frau eines Ritters, die herumsaß und auf die Rückkehr ihres Gatten von den Kreuzzügen wartete. Unser Genty setzte sich neben sie und sagte: 'Schöne Maid, Euer Gatte ist ein großer Mann, und Ihr verdient jedes Mitgefühl. Ich bin selbst ein Kreuzfahrer und habe die schreckliche Brut der Weltenwunde bekämpft ...' Und so schwafelte er weiter. Er verbrachte einen Monat hinter den Steinmauern, nahm zehn Pfund zu, sorgte für ein gepflegtes Äußeres und sah am Ende aus wie ein Baron! Aber die Frau des Ritters langweilte ihn. Sie war immer blass und traurig, weinte tagelang und betete zu Sarenrae. Also verabschiedete Genty sich von ihr und ritt von dannen. Er ritt und ritt, bis er an einem Fluss eine Mühle sah – und die Gattin eines Müllers, mit rosigen Wangen und rund wie ein Rebhuhn. Unser Genty schmeichelte sich bei ihr ein und fragte dann: 'Müllersfrau, ist zufällig Euer Gatte anwesend?' 'Nein, werter Herr, letztes Jahr haben ihn die Feenwesen in den Fluss gezogen', antwortete sie. Und so lud Genty sich selbst ein und blieb in der Mühle. Er lag auf einem weichen Bett, aß Kuchen, trank Bier und spazierte durch das Dorf. Es besaß sogar die Frechheit, allen in der Dorfschenke zu erzählen, was für ein erfahrener Kreuzfahrer er sei. Er fürchte keinen Dämon und versprach, allen zu zeigen, wo der Hammer hängt! In einer mondhellen Nacht, als er auf der Witwe stöhnte und prustete, umfasste sie seinen Rücken mit so viel Kraft, dass er es kaum aushielt. Er sah nach unten, und da war sie ... eine Greisin, ganz fürchterlich, wie ein Skelett, mit krummer Nase, Glutaugen, einem hohlen Bauch, aus dem die Rippen herausragten, und Klauen statt Fingernägeln. Sie stank wie ein überreifes Grab. Genty versuchte, zu entkommen, doch es gelang ihm nicht. Die Alte hielt ihn fest und zischte: 'Wo willst du denn hin, mein süßer Kreuzfahrer? Komm schon, schiebe mir einen Braten in die Röhre!' Und sie streckte ihre lange Zunge heraus und leckte über ihre verfaulten Zähne. Irgendwie gelang es Genty, sich zu entwinden, doch zurück in ihren Klauen blieb einiges an Haut und Fleisch. Er rannte in Panik weg von der Mühle! Rannte den ganzen Weg bis ins Dorf, nackt und blutend. Er rannte und schrie: 'Dämonen! Dämonen!' Die Bewohner griffen zu ihren Äxten und Forken, doch als sie die Mühle erreichten – war diese leer. Die Alte war fort. Doch im Keller fanden sie einen hässlichen Leichnam. Anhand der Haare und Kleidung wussten sie, dass es sich um die Frau des Müllers handelte. In diesem Moment verlor Genty den Verstand. Jetzt sitzt er vor dem Fenster seines Bruders, starrt in die Ferne und sagt: 'Die Dämonen kommen, die Dämonen kommen.' Sonst sagt er nichts mehr."

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