"Notizen einer reisenden Priesterin: Gegen den Zirkel", von Tyrin Dean
Item · 65 GM · Gewicht 2
"Eine Wanderheilerin sollte sich hin und wieder einen unbekümmerten Ruhetag gönnen. Genau das hatte ich vor, als ich eine Einladung zu einem Hochzeitsfest in einem kleinen mendevischen Dorf in der Nähe des Estrovianwaldes annahm. Es war ein heißer Sommer, darum wurden die Tische draußen aufgestellt, mitten in einem Apfelobstgarten. Ich saß zwischen einem missvergnügten Mädchen von etwa fünfzehn Jahren und einer fröhlichen alten Dame mit mehreren Narben im Gesicht. Die einfachen Provinzgerichte dufteten fabelhaft. Die Musiker spielten heitere Stücke und wurden langsam betrunken, und der Bräutigam leuchtete förmlich. Die Braut saß mit starrem Blick am Tisch, und ihre blauen Augen musterten immer wieder ihre Blumenkrone. Plötzlich ertönte ein furchterregendes, unregelmäßiges Heulen von irgendwo jenseits des Obstgartens und störte die Idylle. Ich wendete mich meiner älteren Sitznachbarin zu und sah sie fragend an. 'Das ist Nelikas Hund. Die Braut. Er geriet gestern Abend in Rage und hört nicht mehr auf zu heulen, darum haben sie ihn in die Scheune gesperrt. Eifersüchtig wegen seines Frauchens, keine Frage!' Ich stand rasch auf, und das junge Mädchen an meiner anderen Seite folgte mir. Es war nicht schwer, den Hund zu finden und loszubinden. Es handelte sich um einen großen Schäferhund, und er sprang mich an und begrüßte mich – zweifellos spürte er die Stärke und Reinheit meines Glaubens. Er jammerte leise, weinte fast. Dann rannte er hinaus und bedeutete uns, ihm zu folgen. Es ging hinab in eine Senke, die im Schatten einigen Trauerweiden lag. Dort stießen wir auf traurige blaue Augen, die uns aus einem toten, blassen Gesicht anstarrten. Der Körper von Nelika, der Braut, die wir noch vor wenigen Minuten bei dem Fest gesehen hatten, war durch irgendeine schreckliche Macht gegen den Stumpf eines toten Baumes geschleudert worden. Der Hund saß zu ihren Füßen und heulte wieder. Ich rannte schnell zurück und betete zur Göttin. Ich weiß, dass solche Monster gerne junge Frauen töten, ihre Gestalt annehmen und dann ihre Familie vernichten. Diese Monster verehren mächtige Dämonenfürsten, buchstäbliche Verkörperung von Chaos, Abscheulichkeit und Bösartigkeit. Die Kräfte einer bescheidenen Heilerin dürften gegen so einen Gegner wohl kaum ausreichen, aber wie konnte ich diese Leute einer derartigen Gefahr überlassen? Ich sammelte mich, als ich mich der Tür des Schlafzimmers näherte, in das man das Paar mittlerweile geleitet hatte. Ich stieß die Tür auf und sprach ein Gebet in den Raum. Über dem Körper des jungen Mannes kauerte eine unnatürlich große Kreatur. Sie jaulte ob der Kraft meiner Worte auf und drehte sich sofort zu mir um. Schimmernde, stahlgraue Haut, monströse Klauen, hässliche Gesichtszüge – es war eine Annis, die schlimmsten aller Vetteln. Die Illusion, die sie aussehen ließ wie Nelika, war abgefallen, und die Blumenkrone der Braut saß wie zum Hohn auf dem verfilzten Haar ihres enormen Kopfes. Sie hob die Hand, um mich mit ihrem Zauber zu belegen, aber plötzlich sprang hinter mir ein zotteliger Schatten hervor, riss sie zu Boden und schlug seine Zähne in ihren Hals. Der Hund war gekommen, um seine Besitzerin zu rächen. Aber Vetteln jagen nicht alleine. Hinter meinem Rücken stand eine weitere Annisvettel des Zirkels – sie hatte sich bei Tisch als die alte Dame ausgegeben. Eine furchtbare Klaue griff nach mir, hielt aber plötzlich inne. "Ihr!" hauchte die Vettel erstaunt und stürzte, gefällt von einem Hieb gegen ihre Kehle. Das junge Mädchen wischte sich das Blut von ihrer Hand und blinzelte mir zu. Ihre Augen hatten verschiedene Farben, eines war blau, das andere grün. 'Eine Familienangelegenheit. Nun, Priesterin, wollen wir nach dem armen Bräutigam sehen?' Und so wurde die fröhliche Dorfhochzeit zu einem Begräbnis für die Toten: Nelika und ihre ältere Verwandte, ermordet von den Vetteln, damit diese an dem Fest teilnehmen konnten. Wenigstens konnten wir den Bräutigam retten. Ich sah in die eiskalten Augen des jungen Mannes, der zottelige Hund zu seinen Füßen, und ich wusste, sie beiden würden nicht mehr lange in dem Dorf bleiben. Schon bald würden die mendevischen Kreuzfahrer einen neuen Rekruten und seinen Hund in ihren Reihen haben – zwei weitere Seelen mit einem Groll gegen Dämonen und alle, die ihnen folgen. Bevor ich das Dorf verließ, besuchte ich das Mädchen – ein Findling, aufgezogen von der hiesigen Kräuterfrau. "Warum hast du dich gegen den Zirkel gestellt?", fragte ich sie leise. 'Ich wurde vor fünfzehn Jahren geboren, nach einer ähnlichen Hochzeit. Vetteln tragen die Kinder, die sie empfangen, oft aus, nachdem sie die Braut getötet und ihren Platz im Bett des Bräutigams eingenommen haben. Derartige Kinder treten meist in die Fußstapfen ihrer Mutter, aber ich beschloss, lieber ein Mensch zu sein.' Ich nickte. Ruhe und Entspannung bei einer Feier war mir zwar nicht vergönnt gewesen, aber das hier war es wert: Das Kind eines Monsters hatte den Pfad der Erlösung beschritten und die Welt vor genau dem Bösen bewahrt, das es hervorgebracht hatte."